Warum die Seestadt nicht blau ist.

Ein neuer Mythos ist in die Welt gesetzt. In Medien und Politik ist er seit Sonntag x-mal wiederholt, jetzt glauben ihn schon (fast) alle.
Der Mythos: Die Bewohner in der neuerrichteten Seestadt hätten v.a. blau gewählt.
Ein wenig Recherche zeigt, daß das eine falsche Zusammenfassung ist.
Und doch zeigt das Wahlergebnis in der Seestadt, wohin sich Wien in Zukunft entwickeln könnte.
Hier der Anlass des Missverständnisses.
Noch heute findet man auf der homepage der Stadt Wien dieses Ergebnis der drei Seestadtsprengel:
Abgegebene Stimmen 1548
SPÖ: 32,7%
FPÖ: 37,1%
VP: 3,6%
G: 13,6%
Neos: 6,5%
Dieses “Ergebnis” wird auch heute noch publiziert.
Es ist aber irreführend.
Weil:
Darin sind die Wahlkartenstimmen nicht eingerechnet.
Können sie auch nicht, denn sie werden nur dem Bezirks-aber nicht dem Sprengelergebnis zugeordnet.
Die Wahlkarten haben aber von Sonntag auf Montag Wesentliches geändert.
Sonntag Abend war Floridsdorf noch “blau”.
Heute ist die SPÖ vorne
Sonntag Abend lagen die Grünen im 2. Bezirk hinter der FPÖ.
Heute liegen die Grünen dort vor der FPÖ
Bei Wahlkarten profitieren Grüne, VP, SPÖ auch, FPÖ verliert.
Ausserdem ist zu beachten: Viele, die in der Seestadt wohnen, und erst vor einigen monaten eingezogen sind, haben sich noch nicht umgemeldet und wählten noch an ihren alten Adressen.
Schliesslich das für mich wichtigste Argument.
In der neubesiedelten Seestadt ist die Altersgruppe 60+ deutlich unterrepräsentiert.
Dort hat die SPÖ ihre grösste Unterstützergruppe, die Grünen ihre geringste.
Deswegen ist das Wahlergebnis für die SPÖ schwächer, für die grünen deutlich besser als im Wienschnitt.
Conclusio:
In der Seestadt hat rot/grün eine grössere Mehrheit als in ganz Wien (wenn man das Ergebnis der Wahlkarten auf den Seestadtsprengel überträgt)
Hier zeigt sich eine möglich Zukunft Wiens, da dort eine demographische Entwicklung vorweggenommen ist.

Die Stimmzettel

In Gesprächen merke ich. Viele möchten Personen wählen und deswegen Vorzugsstimmen vergeben, aber die wenigsten wissen, wie es in Wien funktioniert.
Hier ein zweistufiges “How to Vorzugsstimme”
Die erste Erklärung ist kurz, einfach, aber deswegen notgedrungen ein wenig ungenau.
Denn leider ist das Vorzugsstimmensystem nicht ganz einfach.
Die zweite Erklärung ist ausführlich, v.a. demokratischen Feinspitzen gewidmet.
Am besten erklärt man es anhand des Stimmzettels (so wird er aussehen)


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A: Die einfache, kurze Erklärung:

Man kann in Wien auf Gemeinderatsebene ( im Unterschied zur Bezirksvertretung, dafür gibt es einen eigenen zusätzlichen Stimmzettel, siehe ganz unten)
zwei puls eine Vorzugsstimme vergeben.
1. kann man zwei Vorzugstimmen an zwei Personen vergeben, die auf dem wienweiten Vorschlag der Partei gereiht sind. Die Liste aller Parteien hängt im Wahllokal aus, bzw. hier nachschauen.
Ich selbst kandidiere wienweit auf Platz sieben und freue mich über Vorzugstimmen.(habe trotzdem oben im Wahlzettel keine Namen eingetragen, vielleicht kann er so auch Anhänger anderer Parteien zu Vorzugsstimmen motivieren).

Vorgereiht (d.h. automatisch auf Platz 1 kommt jene Person die mehr Stimmen erhält, als 125% der Wahlzahl (Details unten).
Das wären rund 10 000 Stimmen, also bei uns Grünen ca 10% jener Stimmen, die auf uns Grüne entfallen.

2. Eine weiter Vorzugstimme kann man einer Person geben, die auch im Wahlkreis kandidiert. Auch hier hilft der Aushang in der Wahlzelle weiter, oder man schaut hier nach.
In Wien gibt es 18 Wahlkreise.Jeder Bezirk ist ein eigener Wahlkreis, bloß die “kleinen” sind zusammengefaßt:
Die Bezirke 1,4,5,6 heissen Wahlkreis Zentrum
7,8,9 werden Wahlkreis Innen-West genannt.

Fazit: Die wichtigere Vorzugstimme ist jene für die Stadt
Man kann, muß aber nicht identen Personen sowohl wienweit als auch im Wahlkreis eine Vorzugstimme geben.
Für die Bezirksvertretung gibts einen eigenen Stimmzettel.



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Was bringt eine Vorzugstimme?

Jedenfalls, und das sollte nicht unterschätzt werden, wird das Abschneiden eines Kandidaten bei Vorzugstimmen parteiintern mit großem Interesse registriert. Sagt das fdoch sehr viel darüber aus, wie seine /ihre Politik bei der breitest möglichen “Basis” den Wählerinnen und Wählern einer Partei ankommt.
Erreicht eine Person die “Hürde”, wie beschrieben, wird sie vorgereiht.

B: Erklärung für Spezialisten und Feinspitze der “Macht”:

Die Wahlzahl auf Wahlkreisebene wird so vergeben:
Abgegebene gültige Stimmen / Mandate im Wahlkreis plus 1.
Dieses plus 1 nenne ich den “SPÖ -Summand”
Denn zählt man im Nenner 1 dazu wird die Zahl (Wahlzahl) deutlich geringer, welche zur Erreichung eines Mandats notwendig ist.
Konsequenz: Für große Parteien, die viele Wahlkreismandate erhalten, sind diese “billiger”
Kleiner Parteien erhalten “teurere” Restmandate.
Dieses kleine plus 1 im Nenner, welches der Kern des Wahlrechtskonflikts mit der SPÖ war, garantiert stärkeren Parteien, deutlich mehr Mandate als Prozent zu erhalten. Bei kleineren vice versa umgekehrt.

2. Die Wahlzahl auf Landesbene wird so ermittelt: die aus dem ersten Ermittlungsverfahren übrig gebliebenen Restmandate werden entsprechend den Summen der Reststimmen pro Partei nach d’Hondt verteilt (der Teiler des letzten vergebenen Mandates ergibt die Wahlzahl):
im Gesetz heisst das:
„Auf diese Parteien werden die im zweiten Ermittlungsverfahren zu vergebenden Restmandate mittels der Wahlzahl verteilt, die folgendermaßen zu berechnen ist: Die Summen der Reststimmen werden, nach ihrer Größe geordnet, nebeneinander geschrieben; unter jede Summe sind die Hälfte, darunter das Drittel, das Viertel und nach Bedarf die weiterfolgenden Teilzahlen zu schreiben. Als Wahlzahl gilt bei bloß einem zu vergebenden Restmandat die größte, bei zwei zu vergebenden Restmandaten die zweitgrößte, bei drei Restmandaten die drittgrößte, bei vier die viertgrößte Zahl usw. der so angeschriebenen Zahlen.“

Es gibt bei der Germeinderatswahl 18 Wahlkreise:

simpel gesagt

1,4,5,6

7,8,9

ale anderen Bezirke sind eigene Wahlkreise

Und soviele Mandate werden in den Wahlkreisen vergeben (so kann man sich leicht ausrechnen, wieviel dort ein Regionalmandat “kostet: Stimmen durch Mandate plus SPÖ Faktor 1.:

Zentrum (Innere Stadt, Wieden, Margareten und Mariahilf): 7

Innen-West (Neubau, Josefstadt und Alsergrund): 5
Leopoldstadt:5
Landstraße 5
Favoriten 10
Simmering 6
Meidling 5
Hietzing 3
Penzing 5
Rudolfsheim-Fünfhaus 3
Ottakring 5
Hernals 3
Währing 3
Döbling 4
Brigittenau 4
Floridsdorf 10
Donaustadt 11
Liesing 6

Das bedeutet demnach:

Ein Grünes Grundmandat kostet in Währing 25% der gültigen Stimmen, in Favoriten es rd. 9,1%.

Alles klar?

Gerne beantworte ich Fragen – auch im Eigeninteresse 🙂

PS:
das ist älter, aber noch immer hervorragend.
Eine Erläuterung des Wr Wahlrechts: