Abstimmung? Noch nie gehört!

Die für mich überraschendste Erkenntnis unserer Hausbesuche:
Wieviele besonders jüngere Menschen es gibt, die noch nie gehört/gelesen haben, daß es über die Mariahilferstraße eine Befragung gibt, und daß es sie sind, die entscheiden!
Neue Medienwelt!
Offensichtlich keinerlei Zeitungen.
Kein Fernsehen.
stattdessen:
eigene – digitale – soziale Netzwerke, wo das gelesen wird, was den eigenen Interessen entspricht:
selbstgewählter Medienkonsum, downgeloadete Filme, Musik, Spiele, aber weitgehend abgekoppelt von dem, was “allgemeines öffentliches Interesse” genannt wird.
Hier will ich in keiner Weise werten, bin aber doch überrascht und nachdenklich was die Zukunft des “gemeinsamen politischen, öffentlichen Raumes” betrifft.
Dieses Medieverhalten hat jedenfalls beträchtliche Auswirkungen auf unsere Demokratie.
Darüber werden wir auch nach der Abstimmung über die Mariahilferstraße noch nachzudenken haben.

Rasputin? Richelieu?


Kardinal Richelieu

Im Sonntagsleitartikel der Presse widerfährt mir Überraschendes. Rainer Nowak bezeichnet mich dort als “Stadtplanungs-Rasputin” und ergänzt: “am Richelieu arbeitet er” (da scheine ich gemeint) “noch verzweifelt”.
Auch nach längerem Nachdenken werde ich aus diesem Doppelvergleich nicht wirklich schlau, und erlaube mir folgende Leserbrief an die Presse zu schicken:

Sehr geehrter Herr Nowak,
Ihre Idee mich als Stadtplanungs-Rasputin bzw angehender Stadtplanungs-Richelieu zu bezeichnen hinterläßt mich etwas ratlos.Obwohl ich aus dem Tenor ihres Artikels zu schliessen wage, daß dieser Vergleich nicht besonders freundlich gemeint ist, darf ich mich an Sie wenden, um ein wenig Aufklärung zu erbitten. Möglichweise auch im Interesse der Presse-Leser/innen.
Welche der vielen und widersprüchlichen (zugeschriebenen) Eigenschaften Rasputins meinen Sie eigentlich? Insbesondere im Feld der Stadtplanung?
Was macht mich zum z.B. Stadtplanungs-Geistheiler?
Vorgeworfen wurde Rasputin unter anderem angebliche Sektennähe, Alkoholexzesse, sexuelle Orgien, Geheimnisverrat im Krieg, ja sogar Sympathie für Juden. Die russische Elite war eher antisemitisch orientiert.
Kombiniere ich diese Vorwürfe mit der Wiener Stadtplanung des 21. Jahrhunderts, dann verstehen Sie, daß ich etwas ratlos bin.
Insbesondere wenn Sie mir zusätzlich unterstellen “verzweifelt am Richelieu zu arbeiten”.
Schon wieder ein religiöser Politiker. Ich kann Ihnen versichern, daß ich selbst in meinen wenigen verzweifelten Momenten nicht an eine Kardinalslaufbahn denke. Nicht nur der Zölibat hält mich davon ab.
Oder wollen Sie an Richelieus angebliche Diamantennadelaffäre ansprechen, die durch Dumas Roman ” Die drei Musketiere” populär wurde. Derzufolge lässt Richelieu dem englischen Premierminister Buckingham, letztlich aus Eifersucht zwei Nadeln durch die Augen stechen.
Sie werden verstehen, daß ich Sie um Aufklärung ersuche. Einige meine Parteikollegen, aber auch Bauträger und Architekten könnten sonst nach Lektüre Ihres Artikel Angst bekommen, mit mir in einem Raum zu sein.Um daraus resultierenden Schaden für die Wiener Stadtplanung zu verhindern, ersuche ich Sie höflichst um eine Präzisierung.
mit ergebensten Grüßen
Christoph Chorherr