Das Audimax und die Obdachlosen

meine aktuelle Pressekolumne.
Empoerten Leserbriefschreibenrn und Leitartiklern gewidmet:

Es sein “empoerend”, “entlarvend” , und was, bitteschoen, habe “das” es mit den Forderungen der Studenten zu tun. Wenig regte Leserbriefschreiber und Leitartikler mehr auf, als die Tatsache, dass im Audimax Obdachlose anzutreffen waren, dort verkoestigt wurden und gelegentlich sogar naechtigten.
“Soetwas” diskredidiere die “im Kern vielleicht berechtigten Anliegen” der Studierenden.
Voellig verrueckt schienen die Studiosi gar geworden, indem sie als eine Bedingung fuer die Freigabe des Audimax gar Duschen fuer Obdachlose verlangten.
Jetzt ist endlich wieder Ruhe und Ordnung hergestellt.
Es war sehr kalt vor Weihnachten.
Koennte man diese Geschichte nicht auch anders erzaehlen?
Da gibt es ploetzlich einen grossen Raum mitten in der Stadt, in dem Vorlesungen stattfanden, Diskussionen ueber die Zukunft der Bildung, in dem gestritten und gefreiert wurde, Musik gespielt und gegessen, Filme gezeigt und alles sogar live gefilmt und via Internet uebertragen wurde.
Es war das, was der Kern des Staedischen war und (leider immer weniger) ist: Eine Agora, ein oeffentlicher Platz. Das Wesen des oeffentlichen Platzes ist, dass niemand ausgeschlossen warden darf.
Niemand. Auch keine Obdachlosen.
Das Wunderbare war: irgendwie hat er funktioniert, dieser oeffentliche Platz.
Anders als Kaeufer, die sich durch den Anblick von Obdachlosen in ihrer Kauflust belaestigt fuehlen, und deswegen Sicherheitsdienste fuer deren Entfernung beanspruchen, kamen die Studenten irgendwie mit ihnen aus. Ja, sie sprachen gar mit ihnen, und arikulierten deren minimales Interesse: “Eine heisse Dusche!”
Zurecht mag man einwenden, dass das Audimax der Universitaet
nicht der rechte Ort fuer so eine Agora ist.
Aber, wo ist es dann?
Aber eines haben die paar Wochen im Audimax gezeigt:
Wie wichtig so eine Agora waere. Ein freier Ort, ja, warum nicht, von Studenten verwaltet, fuer all das, was in dieser kurzen Zeit im Audimax stattgefunden hat.
Denn immer mehr oeffentliche Raeume werden privatisiert; hereingelassen wird bloss, wer dem jeweiligen Eigentuemer genehm ist. Voraussetzung meist: Kaufkraft. Randfiguren jeglicher Art sind des nicht.
Diese werden in irgendwelche seperaten Raeume abgeschoben. Auch, damit wir alle weder mit ihnen, noch mit ihren Problemen konfrontiert werden.
Aber niemand will ins Ghetto abgeschoben sein.
Vielleicht, moeglich waere es doch, hat der eine oder andere Obdachlose den Film genossen, der gespielt wurde oder auch etwas aus den Vortraegen mitnehmen koennen.
Ein Wunsch fuer 2010: Wer schenkt der Stadt ein Audimax?

Lernen aus Kopenhagen

Kopenhagen ist ein politisches Desaster.
Aber trotzdem, oder viellcht sogar deswegen:
Zwei mir wichtige Anmerkungen, besser gesagt Konsequenzen fuer die Zukunft.

1.) Es ist schlicht unmoeglich, dass sich 193 Staaten mit total unterschiedlichen Interessen in einem so relevanten Politikbereich einstimmig zu etwas verpflichten.
Wer schon einmal an politischen Verhandlungen teilgenommen hat, bzw. in einer Schulklasse mit, sagen wir 30 Schueler/innen versucht hat einstimmig z.B. das Ziel der Maturareise festzulegen weiss.
Einstimmigkeit ist totale Strukturkonservierung, gibt jedem einzelnen eine Vetomacht und so kann nur das allerkleinste Gemeinsame herauskommen.
Deswegen gabs ja u.a. den Lissabonvertrag, um weite Teile der EU-Entscheidungen aus der Einstimmigkeitsblockade herauszunehmen.
Wir sollten nun nicht nur empoert ueber die unfaehigen Politiker schimpfen, sondern lernen, dass soetwas (Einstimigkeit bei 193 Nationen) niemals zu wirklich einschneidenden und verbindlichen Entscheidungen fuehren kann.

Denn es geht um ziemlich Relevantes.
Wer ein wenig nachrechnet, wird erkennen, dass 25-30% CO2 Reduktion bis 2020 bzw Halbierung bis 2050 einen voelligen radikalen Umbau unserer Industriegesellschaft bedeutet.
Ich halte ihn fuer moeglich und widme einen Grossteil meines Berufes genau dem.
Einfach geht es sicher nicht.
Ergo: forget Monsterkongresse a la Kopenhagen, die Einstimmigkeit verlangen

Noch wichtiger ist mir
2.) Solange die Energiewende (genau darum gehts ja beim Klimaschutz) als Last empfunden wird, die man moeglichst gerecht verteilen muesse, wo man schauen muss, moeglichst wenig zugeteilt zu bekommen, solange wird sich kaum etwas aendern.
Das Gegenteil ist richtig, und das muss in die Koepfe:
Die Energiewende bringt nicht v.a. Belastungen sondern Chancen und ein besseres Leben.
Beispiel Guessing.
Dort gelang es weitgehend zu 100% auf erneuerbare Energietraeger umzusteigen.
Nicht weil man musste, sondern wollte.Und die Vorteile davon im Auge hatte.
Der (jetzt auch wirtschaftliche) Erfolg macht sie zurecht stolz.
Andere Beispiele:
Ein hoher Radverkehrsanteil ist keine Belastung, sondern macht das Leben in der Stadt schoener und besser.
Optimal gedaemmte Haeuser sind keine Belastung, sondern schonen die Geldboersen und stimulieren die lokale Bauwirtschaft.
Biologisch hergestellte Lebensmittel sind kein Problem sndern gesuender und schmecken besser.
Die Solaranlage am Dach statt Oel, Gas oder Atomstrom macht einen zufriedener nicht ungluecklicher.
DAS haben die Klimaverhandler nicht begriffen.

Dass Deutschland mit einem klugen EEG eine maechtig e Industrie im Solar-, Wind -und Biomassebereich geschaffen hat, ist ein Erfolg, und heute beschaeftigt dieser Sektor mehr Menschen als die Autoindustrie.

Deswegen stuerzt mich das Kopenhagendesaster nicht in Depression.
Sondern ermutigt mich, die vielfaeltigen Vorteile der Energiewende fuer Kommunen, Staaten und die Einzelnen hervorzustellen, damit die Energiewende immer mehr gewollt wird.

Also traeumen wir nicht von einer notwendigen Weltregierung, sondern staerken all jene, die dort arbeiten und leben, wo dei Energiewende entschieden wird. In jeder Gemeinde, in jeder Stadt.
Nur wenn die Vorteile erkannt werden, wird sie sich durchsetzen.
V.a. das sollten wir aus Kopenhagen lernen.

Manipulation statt direkter Demokratie

Gestern Donnerstag abend.
Die SPÖ sendet ihre Formulierung der Volksbefragung aus.
(siehe unten)
Gerade weil ich das Instrument der direkten Demokratie für sehr hoch erachte, halte ich nachfolgende Formulierungen für einen Hohn, nei schlimmer, einen schamlosen parteipolitischen Mißbrauch dieses Instrumentes.
Warum:
Jede/r weiss, daß die Art der Fragestellung massiv den Ausgang vorherbestimmt.
Will man ehrlich die Meinung der Bevölkerung kennenlernen, MUSS man eine neutrale Fragestellung formulieren.
Keinesfalls darf eindeutig tendentiös gefragt werden.
Bitte, selbst beurteilen.
Wie neutral sind diese Fragestellungen?

Am 11., 12. und 13.2.2010 soll in Wien eine Volksbefragung durchgeführt werden.

Die Fragen sollen lauten:

1. Im Jahr 2000 wurde durch den Bundesgesetzgeber die Möglichkeit abgeschafft, Hausbesorger anzustellen. Eine bundesgesetzliche Neuregelung ist seither nicht zustande gekommen.
Sind Sie dafür, dass in Wien die Möglichkeit geschaffen wird, neue HausbesorgerInnen (mit modernem Berufsbild) einzustellen?
JA NEIN

2. Internationale Studien zeigen, dass die Ganztagsschule der entscheidende Erfolgsfaktor für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie darstellt sowie das Bildungsniveau der Bevölkerung deutlich hebt.
Sind Sie für ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen in Wien ?
JA NEIN

Einige Großstädte (z. B. London, Stockholm) haben zur Bewältigung des innerstädtischen Verkehrs eine Einfahrtsgebühr für das Stadtzentrum eingeführt (Citymaut). In Wien konnte durch die Verkehrspolitik (Ausbau öffentlicher Verkehr, Parkraumbewirtschaftung, Wohnsammelgaragen, Ausbau Radwegenetz) in den letzten Jahren der Autoverkehr in der Stadt deutlich reduziert werden.
Soll in Wien eine Citymaut eingeführt werden ?
JA NEIN

In Wien fahren täglich Nachtbusse von 0.30 bis 5.00 Uhr. Ein 24-Stunden-U-Bahn-Betrieb am Wochenende (Freitag und Samstag) kostet pro Jahr 5 Millionen Euro und bewirkt veränderte Fahrtrouten der Nachtbusse an Wochenenden.
Sind sie dafür, dass die U-Bahn am Wochenende auch in der Nacht fährt ?
JA NEIN

Seit 2006 wird in Wien ein freiwilliger Hundeführschein angeboten. Der Hundeführschein ist eine fundierte Ausbildung für Hundehalter/innen, bei welcher der richtige Umgang mit Hunden erlernt wird. Bei der Prüfung müssen die Hundehalter/innen zeigen, dass sie den Hund auch in schwierigen Situationen im Griff haben.
Sind Sie dafür, dass es in Wien für sogenannte „Kampfhunde“ einen verpflichtenden Hundeführschein geben soll ?
JA NEIN

Derart tendentiöse Fragestellungen kennt man aus autoritären Regimen.
Es zeigt das Demokratieverständnis der Wiener SPÖ.

Am Beispiel Citymaut:
Es ist schlicht unrichtig, daß der Autoverkehr in Wien deutlich reduziert wurde, um nur ja die Bevölklerung zu einem von der SPÖ erwünschten “Nein” zu motivieren.

Wir werden dieser Volksbefragung, die ein direktdemokratisches Instrument schamlos mißbraucht nicht zustimmen.
Und hoffe sehr, daß gerade hier in der “blogosphäre” auch andere diese Vorgangsweise einer kritischen “Würdigung” unterziehen

Ist die SPÖ noch bei Trost?

Wie man direkte Demokratie ruiniert:

Heute hat die SP die Fragen für die Volksbefragung “präsentiert”.
Bereits am Freitag soll das beschlossen werden.

aus Häupls PK

Bürgermeister Dr. Michael Häupl kündigte heute, Dienstag, im Rahmen der wöchentlichen Pressekonferenz des Bürgermeisters weitere geplante Fragen für die Volksbefragung an, welche am 11./12./13. Februar stattfinden wird.

Neben den bisher angekündigten Fragen bezüglich des 24h-U-Bahn-Betriebes in den Nächten von Freitag auf Samstag und Samstag auf Sonntag sowie der Wiedereinführung eines Hausmeisters als Ansprechpartner in Wohnbauten, kündigte Häupl folgende Fragen an: Einführung einer City-Maut innerhalb des Rings, Einführung des flächendeckenden Angebots der Ganztagsschule in Wien sowie das verpflichtende Absolvieren des Hundeführerscheins für noch zu definierende Hunderassen. Die Vorschläge kämen teilweise von Oppositionsparteien bzw. aus der Bevölkerung. Bis Donnerstag sei er noch für weitere Fragen offen, denn am kommenden Freitag müssten alle Fragen mit genauem Wortlaut im Gemeinderat beschlossen werden, so der Bürgermeister. Sicherheits- und Kriminalitätsfragen seien ausschließliche Sache des Bundes, hiermit könne man sich deshalb in der Volksbefragung nicht befassen. Er selbst spreche sich für die Wiedereinführung des Hausmeisters und die Ganztagsschulen aus, die anderen Fragen seien für ihn offene Fragen. Ein Erfolg der Befragung sei für ihn eine 25-prozentige Beteiligungsquote, die Wünsche der Bevölkerung wolle man seitens der Stadtregierung nachher möglichst rasch umsetzen, so Häupl.

Das ist grotesk.
Beispiel Citymaut (weil Häupl betont, dieser Vorschlag komme von uns):
Seit Jahren verlangen wir eine politische Diskussion darüber sowie die wissenschaftliche/politische Bewertung verschiedener Modelle und räumlicher Geltungsbereiche.
Auch die technische Durchführung (Funk?, GSM?, GPS?, prepay wie in London) sowie datenschutzrechle Fragen wollten wir klären.
Null Gesprächbereitschaft von der SP.
Wollen wir nicht, niemals!,wiederholten sie immer.

Zum Räumlichen:

Ein Modell betrifft die Stadt innerhalb der “Vorortelinie”
ein anderes v.a. die Randbereiche der Stadt, um v.a. Pendler aus dem Umland zum Umsteigen anzuregen (hier im Randbereich steigt der Autoverkehr bes. stark)
Seit Jahren verweigert die SPÖ jede Diskussion und hat v.a. Anträge von uns, verschiedene Modelle einmal ausarbeiten zu lassen, um die Diskussion zu versachlichen immer wieder abgelehnt.

Und jetzt:
Soll es innerhalb des Rings eine Citymaut geben?
das ist gelinde gesprochen extrem kontraproduktiv.
Ja und was soll das kosten?
Häupl: Das legen wir erst nach der Volksbefragung fest.
Hätte er auch nur einen Moment das Gespräch gesucht, klar hätten wir uns, wie immer produktiv eingebracht.
So ist das purer Populismus, und schädlich für das Instrument direkte Demokratie.

Auch ein Hunde führerschein für “bestimmte Rassen”, auch das will man erst nachher festlegen fällt in die Kategorie “Wahlkampfgag statt Demokratie”.
More to follow…

Ach, Nowak…

manchmal gifte ich mich ziemlich über Journalisten.
Und ganz ganz selten, schreib ich dann drüber.
diesmal in meiner aktuellen Pressekolumne:

Bis vor wenigen Minuten sollte diese Glosse die Frage beleuchten , warum Infrastruktur für gestern (noch mehr Straßen) hoch gefördert wird, während Infrastruktur für morgen (Bildung und Forschung) ausgehungert wird.
Dann blätterte ich durch die Sonntagspresse und muß mich einem delikaten Thema widmen: Heisst Journalismus in Österreich wirklich, daß Journalisten über Monate hinweg undurchdachte Dummheiten voneinander abschreiben?
Der Anlaß ist Rainer Nowaks letzter Satz in seinem Portrait über Michael Häupl.
Diesen Satz habe ich schon gefühlte 7000 mal gelesen.
Er handelt (wohliger Schauer unterlegt) vom Wahlkampf in Wien: “In die Geschichtsbücher… wird ein FP-Triumph nach einem schmutzigen Wahlkampf wohl eher Einzug halten”
Ach Nowak!
Darf zu ein wenig Nachdenken aufgefordert werden.
Wo ist die mit Abstand größte Bühne des Wahlkampfes?
Es sind die Medien in all ihrer Vielfalt.
Wenn Journalisten danach gieren, einen “schmutzigen Wahlkampf” zu orchestrieren, wird es ihn wohl geben.
Das sind übrigens dieselben Journalisten, die Debatten über die Zukunft unseres Schulwesens oder konkrete Konzepte der Integration oft abschätzig mit der Frage, “wo is do die G´schicht?” gerne ignorieren.
Mag es vielleicht daran liegen, daß es leichter ist, einen Rüpelausdruck, wie nennen sie ihn so schön, eine “Ansage”, einzufangen, und Reaktionen dazu, “was sagen Sie dazu daß Herr/Frau XY das gesagt hat” zu rapportieren, statt zu versuchen, mögliche Zukunftstrends zu beschreiben.
Merken sie nicht, daß sie der simplen PR Strategie von Häupl und Strache auf den Leim gehen. denn beide wollen das Rüpelmatch.
Häupl glaibt damit, alle jene, die sich vor Strache fürchten an sich binden zu können, und Strache fühlt sich wohl am politischen Heumarkt.
Wer nur ein wenig nachdenkt wird blitzschnell merken. Diese Wahl geht keineswegs um “Häupl gegen Strache”.
Um mich dem Heumarktniveau anzunähern: Das Spiel wird auf dem Spielfeld, und nicht nach der Größe des Hooligansektors entschieden.
Die kommende Wienwahl entscheidet ausschließlich folgendes: regiert die SPÖ weiter alleine; und wenn nicht, kommt eine weitere Auflage der Stagnation und des Proporzes genannt rot-schwarz, oder kommt erstmals grün.
Wer rechnen kann, weiss, daß schwarz-blau in Wien keine Mehrheit haben wird.
Vielleicht kommt er wirklich, der “schmutzige Wahlkampf”;
dann sind die Herren Nowak & Co daran nicht unbeteiligt.

Wo Wien Kopenhagen schlägt

meine dieswöchige falter – Mobilitätskolumne:

“Copenhagenize your city”, so lautet rund um den Klimagipfel ein Schlachtruf, der völlig zurecht die dänische Hauptstadt als Vorbild preist.
36 % aller Wege werden dort mit dem Fahrrad zurückgelegt, mehr als mit dem Auto, und die Stadt hat ehrgeizige Pläne vorgelegt, diesen Wert noch zu steigern.
“Copenhagenize” rückt zurecht städtische Verkehrspolitik ins Zentrum. Weltweit lebt bereits die Hälfte der Menschheit in Städten; deren Verkehrsverhalten wird maßgeblich darüber entscheiden, ob die große Energie- und Klimawende, die alle beschwören, gelingen kann.
36% Radverkehr in einer Großstadt sind ein beachtlicher Wert. München ist auch nicht schlecht, und weist 15 % auf, Wien`s 6% sind schlicht erbärmlich.
Und doch gibt es da in Wien etwas, das Kopenhagen weit hinter sich läßt.
“Es” feiert dieser Tage seinen zehnten Geburtstag.
“Es” wird jährlich von Gästen und Neugierigen aus allen Teilen der Welt besucht, die wissen wollen, wie “soetwas” möglich ist.
Das offizielle Wien jedoch wird auch diesen runden Geburtstag kaum zu würdigen wissen.
Denn “es” zeigt, daß eine völlig andere Verkehrs-und Stadtplanungspolitik möglich wäre.
“Es” heißt autofreie Siedlung, und der Ordnung halber füge ich hinzu, daß ich den objektiver Berichterstatter schwerlich mimen kann, war ich nicht nur maßgeblich an der Durchsetzung dieses Experiments beteiligt, sondern ebenso im permanenten Bemühen bin, dieses kleine, schlicht unglaubliche Stück “Stadt der Zukunft” in die große Breite zu führen.
Aber auch ein Liebhaber darf ein Lied singen.
Die Fakten sind kurz erzählt.
Autofreiheit heißt hier in Floridsdorf: Statt 250 Wohnungen mit 250 teuren Tiefgaragenplätzen auszustatten wurden 90% einfach nicht gebaut.
Die Odyssee zu schildern, solches im Wiener Garagengesetz zu ermöglichen, ergäbe ein Buch.
Das dadurch freiwerdende Geld, weit mehr als 1 Mio Euro wurde in großzügige Freiräume, allgemein zugängliche Dachgärten, eine Sauna, ein Kinderhaus, eine Radwerkstätte, ein Fitnesscenter, einen Veranstaltungssaal, Mietergärten und viele andere Gemeinschaftseinrichtungen investiert.
Im Gegenzug verpflichteten sich die Mieter vertraglich, kein eigenes Auto zu besitzen, sondern das Rad und den öffentlichen Verkehr, sowie car-sharing Angebote zu nutzen.
Schon vor Baubeginn wurde ein umfassender Mitbestimmungsprozeß initiiert.
Es bildeten sich eine Reihe von Gruppen, welche die Verantwortung über die unterschiedlichen Gemeinschaftseinrichtungen übernahmen.
Das ließ eine ganz spezifische Kultur in der “autofreien” entstehen: eine intensive Nachbarschaft, welche insbesondere Kinder zu nutzen und zu geniessen wußten.
Denn Kinder wollen vor allem eins: andere Kinder. Sie brauchen Platz, um zu sich selbstbestimmt und sicher zu bewegen. Beides ist in der “autofreien” reichlich vorhanden.
So hat die wahrscheinlich interessanteste Bilanz dieses Pilotprojektes weniger mit dem Auto zu tun, als mit der Tatsache, daß dort deutlich mehr Kinder geboren wurden als in vergleichbaren Siedlungen, wo mehr oder wenig isolierte Kleinfamilien schon mit ein oder zwei Kindern ziemlich überfordert sind.
Eine kinderfreundliche Nachbarschaft entlastet enorm.
Einigen der gewachsenen Familien wurden jedoch ihre Wohnung zu klein.
Wie gut, daß in der unmittelbarer Nähe weitere Wohnhäuser geplant wurden. Eine initiative “Miss Autofrei” bemühte sich sehr darum, das offensichtlich erfolgreiche Modell auch dort anzuwenden.
Aber v.a. vom Bezirk gab es ein heftiges Veto. “Soetwas” komme nicht nocheinmal.
Denn “soetwas” funktionierte nun mal nicht.
Denn obwohl erst jüngst eine von der Stadt selbst beauftragte Studie eindeutig ergab, daß die überwältigende Mehrheit der Bewohner in der “autofreien” tatsächlich auch heute noch kein Auto besitzen, darf “das” einfach nicht sein.
Wie brachte dieses Bewußtsein vor gut zehn Jahren ein inzwischen pensionierter Beamter auf den Punkt: Bei einer Diskussion über die Besiedelungsmodalitäten kam der Vergleich zum damals so genannten “frauengerechten Wohnen” auf.
Seine Replik werde ich nie vergessen: “Eine Siedlung ohne Männer kann ich mir ja vorstellen, aber mit Sicherheit keine ohne Autos”.
Copenhagenize Vienna!
Noch einmal, weils so schön ist: Radanteil Kopenhagen 36%.Wien 6%. Autofreie Siedlung: 56%

So haben wir die Welt gerettet

Andreas Weber, Chefredakteur des format hat mich gebeten, zu ihrer Kopenhagen-Ausgabe einen Gastkommentar zu schreiben.
Ich wollte mir dazu etwas Neues einfallen lassen, nicht bloß eine Zusammenfassung von vielem, was hier am blog schon zu lesen war.
Voila.
Das ist dabei herausgekommen


Meine Rede als erster direkt gewählter Präsident der Europäischen Union vor dem Parlament in Algier anno 2021

Meine Damen und Herren, es ist mir eine große Ehre heute, an diesem denkwürdigen, ja historischen Tag hier sprechen zu können. Wer hätte das vor wenigen Jahren für möglich gehalten, daß heute Sie, vereehrter Herr Ministerpräsident und ich gemeinsam mit neun Staatsoberhäuptern der arabischen Union ein solches Dokument unterzeichnen werden.
Lassen Sie mich deswegen einen kurzen historischen Streifzug machen, um den gewaltigen Wandel, in dem sich unsere Welt derzeit befindet sichtbar zu machen.
Ich möchte ich bei Datum beginnen, an das sich wenige erinnern werden, den Dezember 2009. In Kopenhagen fand damals ein Klimagipfel statt, seine Ergebnisse widerspiegelten die Lähmung der damaligen Zeit, das was die Regierungschefs damals als lauen Kompromiss aushandelten, wurde, wie wir heute wissen, von der Wirklichkeit völlig überholt.
Es war eine Zeit politischer Lähmung, in einem Ausmaß, das wir uns heute kaum mehr vorstellen können.
Gerade war eine große Finanzkrise dank der Übernahme ungeheurer finanzieller Bürden der Staaten scheinbar überstanden, zwar war überall versprochen worden, “soetwas” werde man in Zukunft verhindern, passiert ist gar nichts.
Im Gegenteil: Das billige Geld, das Nationalbanken und Staaten in die Wirtschaft gepumpt haben, wurde sorglos von ebendenen, die die erste, die “kleine” Finanzkrise verursacht haben zum Aufbau riesiger neuer Blasen verwendet, wieder wurden gezockt, als gäbe es kein Morgen, die Staaten hatten riesige Schuldenberge angehäuft und so schleppte sich die Wirtschaft dahin, bis das erste Wendejahr kam: Im August 2012. Der italienische Staat konnte eine Umschuldung nicht mehr finanzieren, seine Staatsanleihen fanden nicht genug Käufer, was dann passierte wissen wir alle nur zu gut. Denn als hektisch versucht wurde, den dadurch ausgelösten Dominoeffekt abzubremsen, und ein Streit darüber entbrannte, wer in den Klub der neuen europäischen Währung aufgenommen werden solle, als Massenproteste, Bankbesetzungen und häßliche Ausschreitungen über unsere Bildschirme flimmerten, platze am 17 Februar 2013 die Nachricht aus Dhahran: Revolution in Saudiarabien.
Hier und heute ist nicht der Ort das nachzuzeichnen, was dann passiert ist, die Explosion der Ölpreise, das Überschwappen der Revolutionen auf viele arabische Länder, der totale Zusammenbruch der Finanzmärkte, eine Weltwirtschaftkrise, von der wir zu Beginn glaubten, sie sei abgrundtief.

Es ist anders gekommen. auch dank Ihnen Herr Ministerpräsident.
Wir hatten völlig unterschätzt, wie schnell sich auch in der arabischen Welt die junge Generation dank neuer Medien organisieren kann, das Blutvergiessen fand rasch ein Ende und innerhalb weniger Monate gab es erste freie Wahlen in Saudiarabien.
Bei uns rückten die Menschen zusammen, es wäre nur wenige Wochen zuvor unvorstellbar gewesen, was plötzlich normal war.
Fast müssen wir uns dafür bedanken, daß die Befreier in Riad den späten Winter gewählt haben, wo bei uns der Frühling schon vor der Tür stand. Klarerweise führten zwar Hamsterkäufe zu breiten Versorgungsengpässen, aber ganz rasch war eine breite Solidarität zu spüren.
Fast, als hätten die Leute darauf gewartet.
In unseren Städten des Nordens kehrten fast nordafrikanische Sitten ein. Da Benzin äusserst knapp und extrem teuer war, oranisierten sich Menschen Mitfahrgelegenheiten aller Art. Blitzschnell wurde über mobile Geräte Transportangebote und Bedürfnisse abgeglichen, und schon saßen drei, vier Personen in einem PKW, das zum Sammeltaxi mutiert war.
Auf den Strassen wimmelte es von Radfahrern und Fußgängern und es dauerte auch gar nicht lange bis erst auf mobilen Märkten Lebensmittel und Waren aller Art gehandelt wurden, und bald zogen in den leer stehenden Erdgeschoßzonen kleine Geschäfte ein, kaum eine Freifläche, die nicht zum Garten mutierte.

Der große politische und wirtschaftliche Wendepunkt war dann der Gipfel von Riad im Winter 2013.
Gebannt starrte die Welt in den Nahen Osten.Alle saßen an einem Tisch. Die arabischen und afrikanischen Ölproduzenten, Chinesen und Inder, Amerikaner und wir Europäer. Wenige Jahre vorher wäre es eine ökonomische Bombe gewesen, aber irgendwie waren alle darauf vorbereitet, was für Zahlen und Vorschläge der neugewählte saudische Präsident auf den Tisch legte.
Einerseits eröffnete er uns die Wahrheit über die Ölproduktion seines Landes. Die meisten seiner Ölfelder waren schon sehr alt und trotz massiver technischer Raffinesse war es unausweichbar, dass die Förderung stagnieren werde, und alsbald, wie schon anfang des Jahrtausends in der Nordsee zu sinken beginne.
Und dann machte er uns Industrieländern unmißverständlich klar, daß es angesichts weltweit zwangsläufig sinkender Ölmengen es zu einer gerechteren globalen Verteilung derselben kommen müsse.
Bald war klar: das war der Beginn einer völlig neuen Weltwirtschaftsordnung, deren Eckpunkte innerhalb eines Jahres ausgearbeitet werden mußte.
Was dann folgte, kann man heute rückblickend nur als globale technische Revolution bezeichnen.
Denn was bislang, oft belächelt, ein Nischendasein gefristet hatte, breitete sich explosionsartig aus.
Schauen wir uns an, was alleine hier in Nordafrika innerhalb weniger Jahre möglich war.
Riesige thermische Solaranlagen erzeugen jenen Strom, der schrittweise Ihre kalorischen Kraftwerke ersetzt hat, und endlich auch jene Armen erreicht hat, die bisher im wahrsten Sinne des Wortes abseits lagen.
Die Abwärme dieser Sonnenkraftwerke entsalzt Meerwasser, welches in die Wüstengebiete gepumpt wird, von denen hier kaum Mangel herrscht, und wo mittels Tröpfchenbewässerung von Ölpalmen bis Bambus die wunderbarste Technologie der Energie-und Nahrungsgewinnung genutzt wir: Die Fotosynthese, die Umwandlung von Licht in Biomasse.
Bald werden die Reststoffe der Ölpalmen kompostiert werden können, und so wird mitten in der Wüste Humus entstehen; diese neue Agrarflächen haben noch eine ganz wesentliche Zusatzfunktion hat: Sie binden CO2 und helfen so, dem Treibhauseffekt entgegenzuwirken.
Oder schauen wir nach Europa: Nahezu ausnahmslos werden Häuser so gebaut, daß sie völlig ohne Fremdenergie auskommen. Perfekt isoliert, erzeugen Fassaden und Dächer dezentral Strom aus Sonnenlicht; die Technik dazu gabt es zwar schon länger, sie kam nur kaum zur breiten Anwendung.
Der unproduktive Streit “Energiepflanzen oder Lebensmittel” wurde ganz simpel gelöst. Beides ist parallel möglich: Beim Getreideanbau kommen wieder Pflanzen zum Einsatz, die vermehrt Stroh produzieren, welches ebenso Energieträger wie chemischer Rohstoff ist. In den bisherigen Brachemonaten werden eigene Gräser und Pflanzen angebaut, die Stickstoff binden, die Bodenfruchtbarkeit erhöhen und einen zusätzlichen Rohstoff anbieten.
Ja, und dann eine der ältesten “Technologien”, sie wurde in hunderten Millionen Jahren perfektioniert, die Algen.
Auch sie werden jetzt weltweit auf wüstenartigen Flächen hergestellt, und liefern Öl sowie andere biogene Grundstoffe, die – als Übergangstechnologie in ehemaligen Kohlekraftwerken verfeuert werden.
Werfen wir noch einen kurzen Blick auf jenes technische Produkt, welches wie kaum ein anderes im letzten Jahrhundert das Antlitz unserer Städte und Landschaften geprägt hat: Das Auto.
Kaum zehn Jahre ist es her, dass in geradezu rührender Einfältigkeit Techniker versucht hatten, knapp zwei Tonnen schwere Gefährte auf Elektroantrieb umzurüsten, obwohl sie meist nur einen Menschen transportieren wollten. Sie scheiterten.
Offenbar ist das ein Naturgesetz: Jede neue Technologie bleibt anfangs im Alten stecken. So sahen die ersten Autos wie Pferdekutschen aus, so waren die ersten Fernsehbilder gefilmtes Theater, ja sogar der Buchdruck zu Gutenbergs Zeit imitierte aufwändig Handschriften.Immer dauerte es einige Zeit, bis die Vorteile der neuen Technik erkannt wird.
Vom Ballast panzerartig schwerer Autos befreiten uns die Chinesen. Erst rüsteten sie ihre Benzinroller auf Elektroantrieb um, dann entstanden extrem leichte, überdachte Kleinfahrzeuge in pfiffigem Design, die wenig Batteriekapazität benötigen, zwei oder drei Personen sowie Gepäck transportieren und mit Reichweiten von mehr als 200 km fast alle Mobilitätsbedürfnisse abdecken.
Heute prägen sie das Bild weiter Teile der Straßen, mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte es sie immer schon gegeben.
Im Zuge der politischen Umbrüche war es dann fast eine Notwendigkeit, meinem Heimatland, der EU, einen endlich vom Volk direkt gewählten Repräsentaten zu geben.
Dieser gesamteuropäische Wahlkampf hat bei ganz vielen erstmals das intensive Gefühl entstehen lassen, “Europäer” zu sein.
Was die Zukunft bringt, wurde ich vor dieser Rede gefragt. Ich weiß es nicht. Wie hätte man vor zehn Jahren das vorhersagen können, was heute Wirklichkeit ist? Nur eines: Es ist viel mehr mehr möglich, auch heute Unvorstellbares.

Lebendigkeit & Stadt

Lebendigkeit:
fast alle Menschen verwenden und verstehen diesen Begriff.
Trotzdem findet er kaum Anwendung in der Stadtplanung.
Ich denk schon länger darüber nach, was das konkret heißen könnte.
Eine Zwischenbilanz in meiner aktuellen Pressekolumne:

Wenige kennen die richtige Antwort darauf: Welches Bundesland wird bald die jüngste Bevölkerung haben und wächst am stärksten?

Es ist Wien. Fast alle Großstädte Europas boomen. Sie ziehen dank ihrer Universitäten und urbanen Kultur junge und erfindungsreiche Menschen an, ihnen folgen Unternehmen; die Stadt wächst und wird immer attraktiver.

Wird sie das wirklich? Vor allem jedoch: Welche Art von Stadt soll wachsen? Besonders begehrt sind die „alten“ Viertel in Wien, innerhalb des Gürtels, zunehmend auch außerhalb: wie Ottakring oder Rudolfsheim-Fünfhaus. Was „können“ diese Teile der Stadt, was offenbar so schwer in den Neubaugebieten auf der grünen Wiese gelingt? Die Beantwortung dieser Frage ist von elementarer Bedeutung, denn in den nächsten 20Jahren werden in Wien Wohnungen für mehr als 300.000 Menschen gebaut, quasi die zweitgrößte Stadt Österreichs innerhalb Wiens Stadtgrenzen.

Ein Wort, das in Städtebaudiskussionen oft zu kurz kommt, könnte der Schlüssel zur Beantwortung sein: Lebendigkeit! Das macht das Wien der Gründerzeit aus. Menschen bewegen sich auf der Straße, gehen einkaufen, treffen sich in Kaffeehäusern, im Sommer draußen – im „Schanigarten“.

Die meisten neu errichteten Stadtteile sind „tot“, auf den Straßen zwar Autos, aber kaum Menschen. Eingekauft wird im Einkaufszentrum, angereist wird im Auto. Warum ist das so? Hat vielleicht eine ganz kleine, scheinbar nebensächliche Norm gewaltige Auswirkungen? Das Gründerzeit-Wien wurde gebaut, bevor es die Stellplatzverpflichtung gab, jene Regelung, die jeder Wohnung einen Garagenplatz vorschreibt, meist unter dem Haus.

Die Konsequenz: Man fährt mit dem Lift in den Keller, setzt sich ins Auto – und ab ins Büro, zum Einkaufen oder ins Kino. Diese Regelung saugt die Menschen regelrecht von der Straße weg. Drum gibt’s auch kaum Geschäfte in diesen Gebieten. Im Gründerzeit-Wien muss man auf die Straße. So bleibt das Herz der Stadt, der öffentliche Raum, lebendig. Wie wäre es mit folgenden drei schlichten Regeln für Wien:

1.) Keine Garagen unter den Häusern, sondern ein wenig entfernt, am besten weiter weg als das nächste öffentliche Verkehrsmittel.

2.) Kleine Parzellen statt riesiger Wohnsiedlungen.

3.) Verpflichtend hohe Erdgeschoßzonen.

Kleine Ursachen möglicherweise, aber gewaltige Auswirkungen: lebendige Städte statt toter öffentlichen Raum.