Was heißt heute “bürgerlich” Teil 3

ist das so oft verwendete Wort “bürgerlich” eigentlich eine sinnvolle politische Kategorie?
Oder auch breiter gefragt, was heißt heute “bürgerlich” im Bezug auf ein bestimmtes gesellschaftliches Milieu, auf bestimmte Werte?
Diese Frage beschäftigt mich immer wieder.
Schon zweimal (1, 2 ) hab ich mich auf diesem blog damit auseinandergesetzt.
Morgen Mittwoch habe ich die Ehre mit Andreas Khol für die kommende Sonntagspresse darüber ein ausführliches Gespräch zu führen.
Für Inputs und Antworten zu dieser Frage bin ich sehr dankbar.

22 Replies to “Was heißt heute “bürgerlich” Teil 3”

  1. Bürgerlich/Konservativ/Rechts Ich glaube, dass das Wort “bürgerlich” als politische Kategorie oft synonym für “rechts” verwendet wird. Leider wird “rechts” bei uns selten verwendet, da viele Linke nicht zwischen rechts und rechtsradikal unterscheiden. Dadurch werden dann so schwammige Begriffe wie “bürgerlich” verwendet, was sehr schade ist, da dadurch die fundamentalen Unterschiede zwischen Links und Rechts in der politischen Diskussion nicht so klar zum Ausdruck kommt

    Das führt meiner Meinung nach dazu, dass diese Unterschiede auch vielen politisch interessierte nicht so bewusst sind – was das Niveau der politischen Diskussion nicht gerade hebt.

  2. Also, meine aktuelle inhaltliche Annäherung: “Bürgerliches” Denken findet sich heute in allen etablierten österreichischen Parteien. Es umfasst in loser Reihenfolge ohne Anspruch auf Vollständigkeit zB folgende Aspekte:

    – Im Widerstreit der Werte Freiheit und Gleichheit eher in Richtung Freiheit zu ziehen und ein gewisses Mass an Ungleichheit dafür in Kauf zu nehmen.
    – Das Eintreten für klar definierte Rechte und Pflichten und den Staat als diesbezüglichen Schiedsrichter
    – Das Eintreten für die soziale Marktwirtschaft
    – Die Forderung nach penibel sparsamem Einsatz von Steuergeldern
    – Die überzeugte Unterwerfung unter demokratische und rechtsstaatliche Regeln unter besonderer Betonung des staatlichen Gewaltmonopols
    – Die Betonung von Verantwortung und Leistung im öffentlichen wie privaten Umfeld
    – wie überhaupt die Betonung traditioneller Werte individueller Tugendhaftigkeit wie zB Leistungsbereitschaft, Sorgfalt, Selbstverantwortung, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Treue, Mut, Sparsamkeit, etc. etc.

    Das für mich interessante ist, ich behaupte wie oben schon gesagt, dass sich in allen Parteien dieses bürgerliche Gedankengut findet, dass sie sich aber darin unterscheiden, wie überzeugt und “laut” bzw. wie verschämt und “leise” über die damit verbundenen Werthaltungen gesprochen wird. Als “Bürgerlicher” wird man vielleicht dann bezeichnet, wenn man das tendentiell laut tut. Und weniger laut werden diese Werthaltungen daher von jenen mitgetragen, die sich aus historischen Gründen nicht so gern als “Bürgerlich” bezeichnen lassen wollen 😉

  3. Berechtigte Frage Vorneweg: Im Folgenden nutze ich manche Verallgemeinerungen um den Diskurs einfacher zu gestalten. Mir ist durchaus bewusst, dass man nicht alles über einen Kamm scheren kann, mir geht es immer um Tendenzen und den Durchschnitt – nicht den Einzelfall. Bitte um Verzeihung, der Lesbarkeit wegen wär’s.

    Bürgerlich lässt sich wahrscheinlich sogar recht klar umreißen, und mit etwas gutem Willen ist das in dem Mailverkehr in Link_1 auch durchaus nachlesbar. Aber die Frage lautet ja ob das eine sinnvolle politische Kategorie ist. Und da kommt man halt jetzt ins Trudeln.

    Gegenfrage: Was heißt eigentlich proletarisch? So wie es in dieser Schicht freilich unterschiedliche politische Interessen und Ziele gibt, so sind diese auch in der bürgerlichen Schicht nicht einheitlich.

    Schnell kann man sich wohl darauf einigen, wie diese Wählerschicht demographisch zu umreißen ist. Gute Ausbildung, White Collar Workers, Einkommen über dem Median, etc.

    Aber was zeichnet diese Gruppe politisch aus? Es muss ja einen Grund geben, warum diese Schicht besonders stark in der ÖVP und vor allem bei den Grünen vertreten ist.

    Alleine aus der Demographie kann man einiges lernen: Gute Ausbildung, d.h. breiteres Weltbild, vielschichtigere Analysen und besseres Verständnis für Zusammenhänge. Einkommen: Weniger Existenzängste, mehr Zeit sich um Dinge zu kümmern die nicht mit der Existenzsicherung zu tun haben (Maslow lässt grüßen). Deren Umgang mit den Medien ist differenzierter und sie nutzen mehr als eine Informationsquelle, jedenfalls holen sie sich ihre Meinung nicht am Stammtisch. Freilich ist das Bürgertum dieser Definintion so breit, dass man nochmals differenzieren müsste – der Übergang zu proletarisch ist sicherlich fließend – und mitten in der Gesellschaft findet sich wohl eine Schicht für die beides gilt.

    Aber dennoch: Diese Leute lassen sich nicht so leicht mit einfachen Antworten abspeisen, weshalb die Grünen mit ihren komplexen Antworten auf komplexe Probleme hier auch besser punkten können. Wirft man ihnen eine simple Antwort hin (Die EU ist schuld), kommt reflexartig die Antwort: So simpel ist es nicht. Diese Leute interessieren sich auch für Themen wie Grund- und Menschenrechte. Es gibt einen anderen Zugang zu Verantwortung der Gesellschaft und Zukunft gegenüber (auch wenn die Antworten unterschiedlich sind).

    Es gibt also viel Verbindendes, aber es gibt keine Politik die alle Bürgerlichen gleichermaßen ansprechen würde. Manche sind eben eher liks-liberal und andere eher konservativ und viele haben eben sehr ein sehr differenziertes Weltbild, das sich in keiner Partei oder Ideologie zur Gänze wiederfindet.

    Die Mehrheit aber hat wohl eine Tendenz zur politischen Mitte und gegen die politischen Extreme. Und dies ist letztlich auch der Kampf der bei den Grünen immer wieder angesprochen wird, wenn von Fundis (weit links im politischen Spektrum) gegen Bürgerliche (von überall etwas) gesprochen wird.

    So und obwohl man darüber wahrscheinlich ganze Bücher schreiben könnte, muss jetzt einmal Schluss sein, um das Blog nicht zu überfordern.

    1. Alleine aus der Demographie kann man einiges lernen: Gute Ausbildung, d.h. breiteres Weltbild, vielschichtigere Analysen und besseres Verständnis für Zusammenhänge.
      […]
      Deren Umgang mit den Medien ist differenzierter und sie nutzen mehr als eine Informationsquelle, jedenfalls holen sie sich ihre Meinung nicht am Stammtisch. Freilich ist das Bürgertum dieser Definintion so breit, dass man nochmals differenzieren müsste – der Übergang zu proletarisch ist sicherlich fließend – und mitten in der Gesellschaft findet sich wohl eine Schicht für die beides gilt.

      Aber dennoch: Diese Leute lassen sich nicht so leicht mit einfachen Antworten abspeisen, weshalb die Grünen mit ihren komplexen Antworten auf komplexe Probleme hier auch besser punkten können. Wirft man ihnen eine simple Antwort hin (Die EU ist schuld), kommt reflexartig die Antwort: So simpel ist es nicht.

      Gutes Beispiel für die arrogante, abgehobene, selbstverliebte Selbstdefintion von bürgerlichen-Intellektuellen.

      Ausbildung hat heutzutage wenig mit der Erweiterung des Weltbildes zu tun. Das war früher mal so, als ländliche Bauern und Arbeiterkinder in die große Stadt kamen, um zu studieren. Ein Akademikerkind in dritter Generation müsste heute eigentlich mal auf einem Bauernhof oder bei der Müllabfuhr arbeiten, oder ein Arbeiterbeisl besuchen, um seinen Horizont zu erweitern.

      differenzierter Umgang mit Medien?
      Übersetzung: “Wir sind was besseres, weil wir die Kronenzeitung nicht lesen (und alles glauben, was im Falter oder der Presse steht)”

      Der Hang zu komplexen Analysen und Antworten ist das Grundübel der Intellektuellen. Die Wissenschaft und die Philosophie strebt methodisch zu möglichst einfachen und eleganten Antworten. (Ockhams Rasiermesser)

      Der Intellektuelle greift aber auch nur dort zu komplexen Analysen und Antworten, wo ihm das Offensichtliche und der Hausverstand aus ideologischen Gründen nicht in den Kram passt. Die bürgerlich-intellektuelle Abgehobenheit wird mit dem Erfolg des Populisten bestraft, der die Elfenbeinturm-Bewohner auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

      Darüber hinaus sind die komplexen Antworten häufig nur eine Attrappe, hinter der sich nicht viel verbirgt.

    2. @dieter Zunächst mal vielen Dank für die freundlich Beurteilung als “arrogant, abgehoben, selbstverliebt”. Sehr stilvoll. Aber nun zu den Fakten:

      Ich stamme aus einer Familie die zum Großteil aus dem Arbeitermilieu stammt und lebe heute in einer Umwelt die sich zum Großteil aus der von mir demographisch umrissenen Bürgerschicht rekrutiert. Ich hatte also seit jeher Kontakt mit beiden Schichten und maße mir daher an beurteilen zu können wo Unterschiede zu erkennen sind. Ich verweise aber ausdrücklich nochmals auf den ersten Absatz meines OP. Das Anerkennen von Unterschieden ist keine Überheblichkeit, weil mir sind alle meine Freunde und Verwandten aus beiden Schichten gleich lieb und ich glaube nicht, dass die einen besser wären als die anderen. Aus politischer Korrektheit Unterschiede zu verleugnen ist nicht meine Art – politisch Korrekt heißt für mich nur, dass ich keine Wertung im Sinn von besser oder schlechter treffe.

      Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass es tendenziell(!) in den weniger gebildeten Schichten häufiger die einfachen Antworten gesucht werden, weil auch die ganze Komplexität nicht erfasst werden kann (mangels Kenntnis von Zusammenhängen). Dass eben nur ein Teil eines vielschichtigen Themas behandelt wird, ohne die Auswirkungen auf anderen Enden zu erkennen.

      Und es würde in der Tat vielen gut tun, sich eine Zeit lang die Schuhe der einfacheren Leute anzuziehen und deren Weg ein Stück mitzugehen. Das falsifiziert aber die Hypothese, dass sie ein breiteres Weltbild hätten nicht. Es zeigt höchstens, dass sie noch immer ein zu schmales haben.

      Der differenzierte Umgang mit Medien bedeutet eben, dass mehr als ein Medium zur Meinungsbildung herangezogen wird. Und dass Informationen aus mehreren Quellen zu einer differenzierteren Weltsicht führen steht hoffentlich außer Frage. Und auch hier hat kein Mensch etwas von “wir sind besser” gesagt, ich bitte also auch hier die Unterstellungen zu unterlassen.

      Ockhams Rasiermesser auf die Lösung politischer Probleme anwenden zu wollen, halte ich für eine mutige These. Die Welt ist nun mal komplex und erst recht dann, wenn viele Menschen zusammenleben. Die Lösung eines H.C. Strache sind einfach – aber sind sie deshalb richtig? Sind es nicht eher Scheinlösungen, weil sie wesentliche Aspekte außer Acht lassen?

      Ich stimme schon zu, dass Lösungen häufig unnötig kompliziert gestaltet werden. Das ist aber kein Widerspruch zu dem von mir Postulierten, das sich um die Herausarbeitung der Definition von “bürgerlich” kümmerte.

      Ja, man muss Leute dort abholen wo sie gerade geistig stehen. Das gilt immer und überall. In der Kindererziehung wie in der Mitarbeiterführung wie auch in der Politik. Das ist wohl eine Schwäche der höher Gebildeten, den Aufsetzpunkt nicht zu erkennen. Geht mir auch oft so, weil Dinge die für mich alltäglich sind, eben doch nicht jedermann klar sind.

    3. Nimms nicht persönlich. Die Einstellung, die ich beschreibe, ist leider so verbreitet, dass es die Betreffenden, ansonsten durchaus liebenswerte Menschen, gar nicht bemerken.

      Beispiel: Mehrsprachiger Schulunterricht:
      Die unmittelbare Beobachtung ist die, dass die große Mehrheit der Menschen nur eine Sprache richtig gut spricht und zwar die Sprache ihrer Kindheit. Nur wenige sind motiviert, eine Fremdsprache, die sie im Alltag gar nicht brauchen, zu lernen. Deshalb können nur ein Bruchteil der Maturanten trotz 12 Jahren Englischunterrichts ein passables, fließendes Englisch sprechen.
      Folglich wäre die einfache Antwort Totalimmersion und Deutschpflicht am Schulhof.

      Die antiintuitive Antwort ist die Behauptung, dass man zuerst in der Muttersprache unterrichtet werden müsse, um dann eine Fremdsprache lernen zu können. (Das ist für Erwachsene tw. plausibel.) Bei Kindern kaum. Aber die Idee ist einen Versuch wert. Der Versuch ist in der Umsetzung in den USA auf breiter Front gescheitert und wurde wieder zurück genommen. Je länger der Umstieg von Spanisch auf Englisch hinausgezögert wurde (was die Eltern vehement forderten, da der Umstieg für die Kinder einen Rückschlag bringt), desto schlechter waren die Resultate. Die fraglichen Schulen fielen beim Niveau zurück und die Kinder sprachen primär Spanisch und nicht Englisch.

      Trotzdem hält die Intelligenzia unseres Landes, inkl. Bildungs”wissenschaftlern” stur an ihrer netten, komplexen Theorie fest und wähnt sich auf der Seite der Wissenschaftlichkeit.

      Beispiel Schengengrenze
      Nach der Öffnung der Schengengrenze ist die Einbruchskriminalität gestiegen. Gut, Freiheit und Sicherheit stehen oft im Konflikt und hier handelt es sich um eine Güterabwägung zw. häufigen Grenzgängern und den von erhöhter Kriminalität potentiell Betroffenen. Es ist eine Frage der Abwägung.

      Die Intelligenzia behauptet aber nunmehr, dass die naheliegende Kontrolle an jenen Nadelöhren, an denen die Räuber zwangsläufig durch müssen (den Grenzen), also der status ex ante, plötzlich nicht mehr funktionieren würde. Stattdessen wird die internationale Zusammenarbeit (über mehrere Sprachbarrieren) favorisiert, obwohl sich kaum jemand der dafür Argumentierenden darunter konkret etwas vorstellen kann. International klingt halt gut und komplex ist toll, wenn man aus anderen Gründen die einfache Lösung ablehnt.

      Bildung über alles: Auf der anderen Seite wird als Lösung unzähliger Probleme mehr Bildung gefordert. Bildung wird fast wie ein Wunderautomat betrachtet, bei dem man mehr Geld reinsteckt und hinten das Paradies herauskommt. Hier wird also eine einfache, unterspezifizierte Antwort favorisiert.

      Ich könnte unzählige weitere Beispiele finden. Z.b. wurde bis vor wenigen Jahren von der Kriminoligie und den Intellektuellen geglaubt, dass mehr Polizei (speziell Streifenpolizisten) die Kriminalität nicht reduzieren könne. Schon gar nicht nachhaltig. Rudolf Giuliani hat bewiesen, dass die einfache, populistische Lösung wirksam ist. In Österreich fordern aufgrund der aktuellen Situation mittlerweile alle Parteien mehr Polizei. Aber die New Yorker mussten zwei Jahrzehnte lang exorbitante Kriminalität erdulden, weil das Establishment sich zu gut war, den “Einfältigen” zuzustimmen.

      Wenn’s kalt ist, zieht man sich einen Pullover an und dreht die Heizung auf. Der Intellektuelle will stattdessen das Klima beeinflussen. Schließlich ist die Wetterlage komplex und bedarf daher komplexer Antworten. Logisch, nicht?

  4. In ein Wort gegossene Nebelbombe Der Begriff “bürgerlich” entstammt einer Abgrenzung zum Adelsstand auf der einen und zur Arbeiterschaft auf der anderen Seite. So gesehen sind fast alle Österreicher Bürgerliche.

    Der Begriff hat mit der Realität des 21. Jahrhunderts nichts mehr zu tun. Eine in ein Wort gegossene Nebelbombe.

    1. Seh ich ähnlich. Schon allein die Tatsache, dass man über die Bedeutung diskutieren und CC sich Anregungen via Internet holen muss, bestätigt ihren Beitrag.

      Wenn heutzutage eine Partei diesen Begriff verwendet, sendet sie einfach nur ein diffuses Signal in Richtung Beständigkeit, Solidität und Gemäßigtheit aus. Eine Nebelbombe halt, ohne konkreten Inhalt.

      Gibt wahrscheinlich schon zig Diplomarbeiten zum Thema, wie sich der Bürgerbegriff im Laufe der Zeit verändert hat. Stadt im Mittelalter -> frnz. Revolution -> Industrialisierung -> 20 Jahrhundert. In der Uni Bibliotheks-Datenbank wird CC sicher fündig.

    2. Nebelbombe trifft es ziemlich gut.
      Versuchte Schubladisierungen wie “links”,”rechts”, “Bürgerlich”etc. funktionieren heute nicht mehr, weil es keinen Konsens über die Verwendung dieser Etiketten mehr gibt.
      Daher sind auch Fragen wie “Wie rechts ist Österreich?” etc. Themenverfehlung. Die Diskussionen müssen sich an glasklaren Inhalten orientieren und Titel haben wie “Welche Ängste haben ÖsterreicherInnen vor AsylwerberInnen?”, “Welche Bedeutung hat Solidarität/Loyalität….in unserer Gesellschaft?”
      Solche Gespräche – egal ob als öffentliche oder private Diskussion sind das Heilmttel gegen die Politik(er)verdrossenheit die sich so lähmend ausbreitet.

  5. Bürgerlich – aber wie? Ich denke, was man mit “bürgerlich” meint, hängt heute immer auch vom Kontext ab. Man spricht vom “bürgerlichen Flügel” bei den Grünen, und man spricht von einer “bürgerlichen Koalition” unter Beteiligung der FPÖ – dazwischen liegen Welten.

    Bei den Grünen ist das Attribut wohl hauptsächlich als Abgrenzung zum linken Parteiflügel zu verstehen. Nachdem niemand bei den Grünen von einem “rechten” Parteiflügel sprechen will (weil – wie Michael oben schreibt – einige wohl “rechts” mit “rechtsradikal” gleichsetzen) hat man sich halt drauf geeinigt, den “anderen” Parteiflügel als “bürgerlich” zu bezeichnen.

    Könnte ein spannender Beitrag in der Sonntagspresse werden. Freue mich schon!

  6. Teilweise stimme ich anderen Kommentaren zu, die das Bürgertum zwischen Aristokratie und der Arbeiterschaft angesiedelt haben. Ich muss mich leider auch der Nebelbomben-.Attributierung anschließen, weil die ältere Bedeutung des Wortes Bürgertum auch ein Bildungsbürgertum eingeschlossen hat.
    Im Bildungsbürgertum selbst hätte ich auch bestimmte Moralbegriffe eingeschlossen gesehen, wobei ich gut verstehe, warum diese Definition heute nicht mehr greift.
    Früher kamen viele Forscher aus der Aristokratie. Es waren die einzigen, die sich das “Nichtstun” leisten konnten. Heute werden Forscher von der Industrie bezahlt. Damit geht sehr viel von der l’art pour art der Grundlagenforschung verloren. Resultate müssen her.
    Während man sich früher einmal über Aufklärung und die Zugänglichkeit zu Wissensinhalten gefreut hat, wird Wissen und Bildungswissen heute argwöhnisch beäugt und mit Besserwisserei und Pseudointellektualismus bezeichnet. (Die Geschichte über einen bestimmten Landeshauptmann, der sich geniert zu lesen, kam ja auch auf twoday vor.)Als Wissen zählt nur mehr eine gewisse auf materiellen Erfolg gerichtete Erfahrung.
    Ich denke, dass sich das “Bürgerliche” über das geistige Eigentum definiert hat. Geld hatten sie in der Regel keines. Die Moralvorstellungen sind heute überkommen. Man müsste sich schon sehr eingehend mit einer areligiösen Ethik beschäftigen, um eine neue Grundlage formulieren zu können. Die katholische Kirche hat in unseren Breiten versagt und sich selbst jegilichen Moralanspruch zerstört. Dass wir heute eher einem Fundamentalismus frönen, halte ich aus der Sicht der Positionierung innerhalb der Weltreligionen noch nicht einmal erstaunlich. Dem Bürger kann die katholische Kirche heute wenig geben.
    Wenn das Wissen und die Moral desavouiert sind, bleibt am Bürgertum wenig positives.
    Vielleicht könnte man noch eine gewisse Toleranz als Kennzeichnung heranziehen. Die ist aber vermutlich gerade im Themenbereich, den die Grünen ansprechen, am wenigsten gegeben. Dann bleibt als einziges Merkmal die Akzeptanz, dass die Dinge komplexer sind, als sie sich in der Kronenzeitung darstellen lassen. Das hat aber auch schon einmal ein sozialistischer Bundeskanzler angesprochen, der sich sicherlich nicht dem Bürgertum anbiedern wollte.
    Und seit es Österreich gibt, ist die Kronenzeitung zum Intellektuellenblatt aufgestiegen, während in der Presse und im Standard soviele Fehler sowohl stiliistscher als auch inhaltlicher Art (aufgrund des mittlerweile überall fehlenden Lektorats) aufscheinen, dass man aus diesen Blättern auch nicht mehr so viel entnehmen kann. Die Wiener Zeitung hat im Niveau stark zugenommen.
    Ich glaube, es gibt kein Bürgertum mehr und damit hat sich auch der Begriff bürgerlich überholt. Und das ohne Ersatz. Das betrachte ich als das eigentlich Schlimme.

    1. Früher kamen viele Forscher aus der Aristokratie.

      Hmm. Das muss aber sehr lange her sein. Im 19. Jhdt. dominierten glaube ich schon die Bürgerlichen mit großem Anteil an bürgerlichen Juden.

    2. Stimmt, mein früher reicht noch etwas weiter zurück. Doch im angelsächsischen Raum galt es auch noch im 19. Jhd.
      Wahrscheinlich stimmt aber der zweite Satz besonders in Deutschland.

  7. Die Grünen sind *nicht* bürgerlich Eingedampft: Na freilich gibt’s “bürgerlich” noch als politische Kategorie.
    Der Begriffs ist nicht obsolet weil sich dessen ehemalige Vertreter nunmehr in oppositionellen politischen Lagern finden, vielmehr ist letztere Annahme ein Irrtum.
    An den Grünen sind nur mehr die Wurzeln bürgerlich, heute ist diese Gruppe eine ganz neue Kategorie.
    Die Abgrenzung zum Bürgerlichen besteht in der altruistischen Einstellung: während den Bürgerlichen Exklusivität und “ich zuerst” charakteristisch ist, zeichnet sich die grüne Kategorie durch hohe Sensibilität für das Funktionieren des Systems aus. Die Inklusivität, die Bedeutung gemeinsamer Interessen
    für das individuelle Wohlbefinden sind die Wesentlichen Unterschiede.

    1. Ich halte das “ich zuerst” für eine extrem unbürgerliche Haltung. Sie den Bürgerlichen zuzuschreiben, zeigt nicht gerade von Objektivität. Aber sei’s drum, es gibt eh keine Bürgerlichen mehr. Die “Ich, Alles, Sofort”-Generation setzt sich heute aus den Vertretern sämtlicher Klassen und Parteien zusammen und entspricht eher dem Zeitgeist.

    2. “Ich zuerst” ist vielleicht der falsche Ausdruck. Aber die klassischen bürgerlichen ÖVP-Wähler verstehen sich als Interessensgemeinschaft, genauso wie sich Arbeiter, Bauern usw. als solche verstehen. Man will die eigenen Traditionen bewahren und Politik für die eigenen Leute machen.

      Die Grünen wollen Politik für andere machen, was aber bei gewissen Zielgruppen eher auf Ablehnung stößt.

  8. Das verstehe ich nicht Mit Herrn Kohl gäbe es viel zu diskutieren:
    z.B. was ganz konkrete schritte zu einer bundesstaatsreform wären – und warum bisher alle anläufe gescheitert sind!

    (ps: nur so am rande würde mich noch interessieren, ob herr kohl sich damals innerlich gefreut oder geärgert hat, als die grünen 2003 den koalitions-verhandlungstisch verlassen haben.)

    By the way: WIrds die Plattform für ein derartiges Gespräch – nämlich z.B. die Presse – in 1 Jahr überhaupt noch geben?

  9. DANKE! Danke für Eure Gedanken und Beiträge. Haben mir in der Vorbereitung sehr geholfen. Martina Salomon, die für die Presse das Gespräch mit Andreas Khol moderiert hat war übrigens ziemlich beeindruckt von der Qualität der Debatte auf diesem Blog.Dieses Lob reiche ich hiemit dankbar weiter.

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