7 Replies to “No, Mr Krugman!”

  1. Black & White Irgendwie kann ich mich nicht mit der Idee anfreunden die auch CC transportiert:

    Dass Wirtschaft ein Subsystem ist.

    Der Text, dass alles mögliche der Wirtschaft und ihrem unersättlichen Wachstum “geopfert” werden muss obwohl es sich ja nur um einen (kleinen) Teilbereich der menschlichen Existenz handelt hat schon einen superlangen Bart, wurde in zig Anläufen durchgekaut und vor allem von linker – vermeintlich wirtschatsferner – Seite immer wieder aufgekocht. Trotzdem haut ein kleiner Knicks im Wirtschaftswachstum im Handumdrehen zigtausende Arbeitsplätze um wie nix. Einfach futsch, die Klavierstunde für die Tochter, der Kreativurlaub auf Gomera, der monatliche Besuch im Konzerthaus. Aus mit Kultur. Ende.

    Ich denke, dass es Zeit ist einmal einen anderen Ansatz zu probieren: wir sagen “Alles ist Wirtschaft – nichts ist ausser Wirtschaft” und stellen die Wirtschaft in den Mittelpunkt, ins Ausgangszentrum unserer Betrachtungen. Wir versuchen auch Phänomene wie Kunst, Muße, Freizeit, Sport und Häusergulasch in Qualität und Quantität durch wirtschaftliche Zusammenhänge zu erklären.

    Ich bin überzeugt, dieser Ansatz bringt uns wesentlich weiter im Bezug auf ein Verständnis unserer sozialen Umwelt und wie diese gelenkt werden kann als die alte Leier vom bösen Wirtschaftswachstum.

  2. Wo fordert Paul Krugman denn Zersiedelung? Er hat sich anlässlich des letzten Ölpreisschocks gegen die Zersiedelung in den USA ausgesprochen und sich beklagt, dass Obama den Republikanern zuliebe den Ausbau bzw. Wiederaufbau der Eisenbahn aus dem Konjunkturpaket genommen hat.

    Die US-Wirtschaft kann vieles produzieren, womit die Lücke in der Nachfrage verringert werden kann. Dazu gehören Windkraft und Wärmeisolierung.

    1. lieber Dieter, darf ich mich einmal so gesamthaft für Deine postings bedanken, die ich immer für sehr bereichend erachte, wenn ich auch nicht immer Deiner meinung bin.
      Aber sonst wärs ja auch fad, wenns es nichtzs zu diskutieren gäb.
      Konkret zu Deinem obigen Einwand.
      Ich weiss, dass Krugman sich sehr eindeutig zu Benzinpreisen, suburbia und Zersiedelung geäussert hat.
      Ich kenne und schätze seine Kommentare (drum les ich ihn ja regelmässig)
      Jetzt ging es mir um etwas sehr Grundsätzliches:
      Hat die Politik die Aufgabe, Nachfrage an das mögliche Produktionsniveau anzupassen.
      Genau das hat Krugman in einem seiner letzten NYT-Kommentaren gefordert.
      Und dazu sag ich klar nein.
      Jetzt teile ich zwar Deine Meinung, dass nicht jedes Wirstchaftswachstum an sich schlecht ist, im Gegenteil, in vielen Bereichen brauchen wir Wachstum;
      Meine (jetzt sehr schnell formulierte) Diagnose ist,dass die entwickelte Welt-industriegesellschaft, eben weil sie so viel produzieren könnte, immer weniger Probleme mit Mangel, als mit Überfluss hat.
      Und das seh ich nicht nur ökonomisch.
      Und wäre ein desaster, würden wir alles produzieren, was die Industrie produzieren könnte.
      Wenn ein bisschen mehr Zeit ist, sollten wir diese Gedanken, auch im Widerstreit vertiefen.
      Ich halte das, gesellschaftlich wie individuell für ziemlich wesentlich.

    2. Krugman Ich habe mir den Kommentar von Krugman in der NYT vom 8. Jänner durchgelesen. Wenn Cc den Text zum Statement “es ist eine Horrorvorstellung, alle Häuser, Autos, Straßen, Kraftwerke etc. produziert zu sehen, die unsere Wirtschaft produzieren könnte” zusammendestilliert handelst es sich IMHO um ein Missverständnis des Textes.

      Krugman schlägt ja nicht vor blindweg alles wegzukaufen was nur irgendwo angeboten wird (eine derartige Ausschaltung der Marktfunktion als Mittler zwischen Angebot&Nachfrage ist selbst modernen Liberalen wie Krugman nicht zu unterstellen).

      Vielmehr spricht er sich für eine allegmeine Stärkung der Konsumkraft aus und beziffert ungefähr das Volumen. Keine Rede davon, dass jeder Schmarrn den irgendein Industrieller erzeugt per Staatsdekret gekauft werden muss. Wohin die Nachfrage gelenkt wird entscheiden ja immer noch die Konsumenten.

      Neben dem Privatkonsum fordert Krugman entschlosseneres Public spending und schlägt hier den Gesundheitsbereich vor.

      Das macht auch Sinn. Anders als in der Vorstellung vieler Linksherzträger ist die Wirtschaft und ihr Wachstum ja keine Einbahnstrasse zur Wohlstandsvermehrung der Superreichen. Auf dem Weg der Euros von Arm zu Reich muss das Kapital durch die Hände der Arbeitnehmer: vom Wirtschaftswachstum profitieren alle, die die wenig haben als auch die die viel haben.

      Die Kunst besteht darin, den Beissreflex gegen “die Wirtschaft” abzulegen obwohl Reiche mehr vom Wachstum profitieren als Arme. Denn unter der Wirtschaftsflaute leidet der Fliessbandarbeiter wesentlich heftiger als der Fabriksbesitzer.

      Das kapitalistisch marktwirtschaftliche Wirtschaftssystem kennt die Kategorie Gerechtigkeit nicht. Es kann es auch nicht lernen. Es ist daher vollkommen sinnlos das als Aufhänger für die Infragestellung des Gesamtsystems herzunehmen. Wir stören uns ja auch nicht daran, dass man mit einem Hammer keine Suppe essen kann.

      Da es bis dato kein besseres System gibt, muss der Gerechtigkeitsaspekt durch andere Mittel bedient, und die Suppe mit dem Löffel verspeist werden.

    3. Kosum ist nicht (mehr) die Lösung Ich habe vor kurzen einen Bericht gelesen (weiß leider nicht mehr wo) dass die hochgerechnete Zinsbelastung bei Konsumgütern derzeit etwa 40% (!!!) beträgt und sich in wenigen Jahrzehnten vervierfacht hat. Das bedeutet Konsum hat (inzwischen) einen sehr starken Umverteilungseffekt von arm (Konsumenten) zu reich (Kapitalgebern).

      Klar Wirtschaftswachstum klingt gut, aber es kommt ultimativ darauf an welche Teile (und von wem finanzierte) wachsen… Große Unternehmen die von wohlhabenden Investoren finanziert sind, durch den Staat zu unterstützten bzw. zu retten ist für mich ein absolutes NO-GO und unverantwortlich der nächsten Generation gegenüber. KMUs gehört geholfen.

      Auch Banken könnte man ohne Staatsgeld sanieren:
      http://verlorenegeneration.wordpress.com/2009/01/31/rettung-der-banken-ohne-staatsgeld-3/
      http://verlorenegeneration.wordpress.com/2009/01/17/rettung-der-banken-ohne-staatsgeld/

      Ich denke auch dass man Krugmans Ideen nicht einfach auf Europa anwenden kann. Die USA können große Mengen Geld drucken, was den Dollar entwertet, in weiterer Folge zu hoher Inflation führt und wiederum die entstandenen US-Schulden entwertet. Das ist durchaus OK und Krugman hat imho für die USA gesehen recht (auch wenn es für Staaten mit hohen Dollarreserven problematisch werden könnte)
      Europa, speziell Euroländer können genau das wegen der EZB nicht, bei uns wäre Sparen, Unterstützung von KMUs und beschleunigte Insolvenzverfahren angesagt.

    4. @cc Es gibt keinen substantiellen Widerstreit zw. dir, mir oder Paul Krugman. Du misst lediglich dem Phänomen “Wirtschaftswachstum” bzw. dem BIP eine umwelt- bzw. gesellschaftspolitische Relevanz zu, die es nicht hat. Aber das ist eine gängige Fehleinschätzung. Am Besten ist es, wenn man sich mit konkreten Problemen befasst, also mit Zersiedelung, SUVs usw. und nicht mit der rechnerischen Größe der Wirtschaft.

      @One Brick:
      Paul Krugman will es nicht den Konsumenten überlassen, zumindestens nicht jetzt, da er vermutet, dass Steuersenkungen nur zum Rückzahlen von Krediten benutzt würden. Das befürwortert er zwar langfristig, aber wenn die Kredite zu plötzlich zurückgezahlt werden und zu viel auf einmal gespart wird, erzeugt das das “paradox of thrift” vor dem Keynes warnte. Wenn die Konsumenten gar kein Geld mehr ausgeben und nur der Bank geben, oder zurückgeben, dann schrumpft durch mangelnde Nachfrage die Wirtschaft, was dazu führt, dass das Einkommen der Konsumenten sinkt und diese somit im nächsten Monat auch weniger Geld zur Verfügung haben, um ihre Kredite zurückzuzahlen. Diese teuflische Spirale muss abgewendet werden. Und Steuersenkungen würden sie nur anheizen.

      Krugman fordert also, dass der Stimulus fast gänzlich vom Staat ausgegeben wird. Er ist für mehr Essensmarken und eine Verlängerung des Arbeitslosengeldes, da es unmittelbar Notleidenden zugute kommt und auch sofort ausgegeben wird, also makroökonomisch hilft.

      Dean Baker und andere argumentieren, dass die im Vergleich zu den Kapitaleinkommen zurückbleibenden Reallöhne die Ursache für die vielen Blasen in letzter Zeit sind. Den Vermögenden blieb immer mehr Geld übrig, das sie ja eigentlich gar nicht brauchen. Und dieses Geld floss dann in alle möglichen Hypes. Zuletzt eben Immobilien.
      In den 50ern, 60ern und 70ern gab es mehr Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger Verbesserung der Einkommensverteilung.

      @hope:
      Krugman befürchtet eher eine Deflation. Die Geldmenge besteht heute ja nicht nur aus Geldscheinen, sondern zum überwiegenden Teil aus Spareinlagen, Krediten, Kreditkarten usw. Dadurch, dass Kredite ausfallen bzw. Kredite zurückgezahlt werden, schrumpft die Geldmenge, was zu einer Deflation führen kann. Die FED versucht dagegen anzukämpfen und die Mittel sind hier ausgeschöpft, da der Leitzins fast bei Null liegt und manche Treasuries zeitweise schon negative Zinssätze hatten.
      Das gleiche Problem hatten die Japaner in den 90ern. Sie wollten mehr Inflation um die Wirtschaft anzukurbeln, nur niemand wollte das billige Geld.

      Die Ökonomen sind sich jedenfalls nicht einig, ob eine Inflation oder eine Deflation droht. In der aktuellen, turbulenten Zeit scheinen beide Varianten gleich wahrscheinlich.

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